Direkt nach dem Frühstück um kurz nach 10 Uhr geht es
los: Über 40 Jungen und Mädchen aus Alpen und Moers machen sich mit ihren
Betreuern im Bus auf den Weg in die Niederlande zum 5. Internationalen
Aikido-Kindereuregio-Lehrgang. Sie vertreten den deutschen Teil des
Tendoryu-Aikido-Nachwuchses und möchten bei ihren Gastgebern einen guten
ersten Eindruck hinterlassen. Dafür nutzen sie die Fahrtzeit zu einem
Fremdsprachenkurs und bekommen schon mal die ersten "wichtigen" Sätze in
Niederländisch beigebracht: Ick mut nachde Toilett (Ich muß mal zur
Toilette) und Ick saukracht en fritt (Ich hätte gerne eine Pommes).
In Roermond, dem Lehrgangsort, angekommen, stellen die
Betreuer etwas verlegen fest, dass die Kinder die Sätze nicht nur behalten
haben, sondern sie auch sofort an den Mann bringen.
In der Lehrgangshalle geht es dann sofort in die
Umkleidekabinen, wo die anderen Kinder und Jugendliche aus den Niederlanden
und Belgien ebenfalls so nacheinander eintreffen. Auf der Matte kommen dann
am Ende ca. 100 Kinder und Jugendliche zusammen. Dazu gesellen sich noch die
fünf Trainer, aus jedem Teilnehmerland mindestens einer, und ca. 15 Betreuer
und Übungshelfer.
Ein deutlich hörbarer Schlag in die Hände und das
bewegliche Durcheinander ordnet sich schnell zu zwei knienden Reihen am
Mattenrand. Leon van der Sluys (2. Dan) vom Verein aus Roermond, der diesen
Lehrgang ausrichtet, stellt die anderen vier Trainer den Kindern vor: Jos
van Roy (5. Dan) aus Belgien, der auch bei den ersten vier
Kindereuregio-Lehrgängen dabei war, Josef Celestina (2. Dan) aus Moers sowie
Josef Jürgens (2. Dan) und Heidrun Hoffman (1. Dan) aus Alpen. Jeder bekommt
spontan erst von den eigenen Schülern, dann auch von den anderen Applaus.
Und nun wird ersteinmal Kopfarbeit geleistet: Die große Gruppe soll in zwei
kleinere Gruppen aufgeteilt werden. Kinder (Kinder von 6 bis 12 Jahre) auf
die rechte Seite und Jugendliche (von 13 bis 17 Jahren) auf die linke Seite.
Jeweils zwei Trainer (Trainerpaar) je Gruppe und der "Kampf" geht los:
Die erste Trainingseinheit der Kinder von ca. 45
Minuten nehmen Heidrun Hoffmann und Josef Jürgens in "Angriff". Zum
Aufwärmen startet Heidrun mit der Bewegungsgeschichte "Schatzsuche im
Dschungel", an deren Ende die Kinder eine Mauer aus Betreuern (gefährliche
Dschungelbewohner) mit einer Aikido-Technik bezwingen muß. Danach übernimmt
Josef Jürgens und zeigt in einer Demonstration mit Heidrun verschiedene
Aikidotechniken, bei denen der Angreifer durch eine gute Fallschule schmerz-
und verletzungsfreier wieder herauskommt. So weckt er bei den Kindern die
Einsicht, sich bei der nun folgenden Fallschule um eine gute Ausführung der
Falltechniken zu bemühen. Nach dem Einüben verschiedener Falltechniken
beginnt dann schon die zweite Übungseinheit mit einem "fliegenden"
Trainerwechsel. Josef Celestina zeigt Techniken, bei denen sich diese
Fallschule als sehr hilfreich erweist. Um die Bewegung direkt weiter zu
verbessern, holt er sich das wohl kleinste Kinder der Gruppe als
Übungspartner nach vorne: "Der ist richtig gefährlich." Alle lachen sich
schlapp, der Kleine wohl am lautesten. Doch eine weitere Demonstration
zeigt, warum. Steht der Fallende Richtung Partner wieder auf, ist er diesem
viel zu nahe und auch so ein kleiner Kerl könnte einen dann locker wieder
nach hinten schubsen. Ok, das muß natürlich in den folgenden Minuten auch
ausprobiert werden. Und schon sind 1 ½ Stunden vorbei.
Die Gruppe der älteren Aktiven kann währenddessen in
diesen zwei mal 45 Minuten zeigen, dass sie größtenteils schon etwas mehr
können und weiter dazulernen wollen. Als deren erster Trainer verlangt Jos
van Roy ihnen einiges ab. Fallübungen und verschiedene Formen des Angriffs
werden im Gleichtakt ausgeführt. Denn auch wenn Aikido kein Angreifen lehrt,
so muß es doch halbwegs realistisch und ernsthaft ausgeführt werden, um den
Umgang damit wirklich üben zu können. Den zweiten Teil führt dann Leon van
der Sluys weiter. Nach einem Grundprinzip des Aikido, einem Angriff keine
Kraft entgegen zu setzten, zeigt er Ausweichbewegungen.
30 Minuten Pause! Der Zauberer Leonardo betritt die
Matte. Und sofort sind Kinder und Erwachsene in einer großen Traube um ihn
herum versammelt. Er führt in aller Ruhe ein Trick nach dem anderen vor.
Kinder vor ihm, Kinder hinter ihm, Kinder an den Seiten und als Assistenten
direkt neben ihm. Da müßte jede Schummelei doch irgendwie auffallen, aber es
ist nicht das geringste zu entdecken. Vielleicht doch echte Zauberrei? Aber
die gibt es doch nicht. Sinne und Verstand drehen sich im Kreise. David
Copperfield kann das nicht besser. Dann noch ein kleiner Snack und etwas zu
Trinken und schon ist die Pause beendet.
In den nächsten 1 ½ Stunden dann zurück zur Realität.
In der Gruppe der jüngeren Kinder holt Jos van Roy seinen Jo herraus, einen
1,28 m langen Holzstock, der sofort die Aufmerksamkeit der Kinder auf sich
lenkt. Aufgeforderte Kinder können ihn ergreifen und werden in verschiedenen
Richtungen zur Rolle geführt. Wer das ganze zu lässig nimmt und auch nur
einen Augenblick nicht aufmerksam ist, merkt das sofort. Er wird vom Jo
berührt oder dieser klatscht ganz laut auf der Matte auf. Den Kindern macht
es Spaß, dabei alles zu geben. Im letzten Teil motiviert Leon van der Sluys
die Gruppe für den Endspurt und zeigt ihnen Techniken aus dem Sitzen. Mit
dem Partner in den Kniestand hochkommen und Gleichgewicht brechen. Und schon
paßt es.
Die Gruppe der Jugendlichen dagegen darf jetzt erstmal
mit Spaß anfangen. Heidrun "baut" verschiedene Stationen aus Betreuern auf.
Mit jedem muß dann eine bestimmte Technik gemacht werden, um weiter zu
kommen. Josef Jürgens zeigt den Jugendlichen danach verschieden
Abwehrmöglichkeiten des Angriffes Kata Dori Men Uchi (griff zur Schulter und
mit der anderen Hand Schlag zum Kopf) Neben der korrekten Ausführung der
Techniken legte Josef großen Wert darauf, das Jugendliche der verschiedenen
Nationalitäten miteinander trainieren.
"Nur so werden wir dem EUREGIO im Titel dieser
Veranstaltung gerecht". Zum Abschluß müssen sich dann alle weiter gut
konzentrieren. Josef Celestina zeigt verschiedene Techniken mit gleichem
Eingang/Anfang.
Zum großen Finale gibt es dann was zum Austoben für die
Erwachsenen und zum Staunen und Begeistern für die Kinder und Jugendlichen:
Alle Trainer und Betreuer zeigen jeweils zu zweit in einem Randory, was
einem Wettkampf schon recht nahe kommt, eine Mixtur unterschiedlicher
Aikidotechniken bei verschiedenen Angriffen. Für die jungen Leute sicher ein
Motivationsschub. So kann Aikido auch bei ihnen in Zukunft mal aussehen. Und
den Erwachsenen sieht man die Freude an, mit ihrem jeweiligen Partner zu
"spielen", ihn fast ähnlich einer Marionette zu führen und zu lenken.
Mit der Sprache haben die Kinder übrigens kein Problem.
Die niederländischen und belgischen Erwachsenen sprechen alle gut Deutsch.
Sie bringen ihre Erklärungen dann eben dreimal vor und übersetzen auch gerne
für ihre deutschen "Kollegen".
Der Kindereuregio-Lehrgang wurde 2005 von
niederländischen und belgischen Aikidoka ins Leben gerufen. Im Jahr 2007
dann zum ersten Mal auch in Deutschland in Alpen. Das Ziel dabei war, den
Kindern mal das Training bei einem anderen Trainer zu ermöglichen. Damit
lernen sie auch eine andere Sicht aufs Aikido kennen. Nichts destotrotz ist
es schön, mal mit anderen statt immer den altbekannten Partnern zu
trainieren, Sprachgrenzen zu erfahren und zugleich auch zu merken, dass man
damit erfolgreich umgehen kann. Doch auch die Trainer waren neugierig. Jeder
hat andere Stärken, jeder seine eigene Art zu unterrichten. Und irgendwas
kann man vom anderen immer lernen.
In diesem Sinne geht es übrigens nach dem Umziehen
weiter. Im kirchlichen Gemeindehaus (der Pfarrer ist aktiver Aikidoka in
Roermond) haben die Niederländer für die fleißigen Sportler ein gemeinsames
Essen vorbereitet. Und der Weg dahin wird in der Art einer Schnitzeljagd
recht interessant gestaltet. In kleinen Gruppen gemischter Nationalität wird
unter den wachsamen Augen der Betreuer gemeinsamte Aufgaben gelöst und sich
mit Fragen beschäftigt, die neugierig machen. Was könnte dieses oder jenes
niederländische oder auch flämische Wort wohl in deutsch heißen?
Zu diesem gelungenen Tag gibt es dann auch noch den
runden Abschluß: Die Stimmung im Bus ist auf der Rückfahrt gut und alle
kommen wieder pünktlich auf dem Parkplatz zu ihren schon sehnsüchtig
wartenden Eltern zurück. Und freuen sich schon auf den 6.
Kindereuregiolehrgang im nächsten Jahr. Dann in Deutschland ...